Bewusst fotografieren: Die Technik im Griff – was nun?

Bewusst fotografieren: Die Technik im Griff – was nun?

Dies ist ein Gastpost, den ich zuvor bereits auf  fotografr.de veröffentlicht hatte, da mir zu diesem Zeitpunkt noch die passende Website fehlte. Da diese nun steht, möchte ich den Beitrag gerne auch hier zur Verfügung stellen:

Grundsätzlich habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass weibliche Fotografen sich dem Thema Fotografie von der gestalterischen Seite nähern, Männer dagegen von der technischen Seite. Da ich zu letzterer Gruppe gehöre, spreche ich also aus Erfahrung, was Technikverliebtheit angeht. Die ersten Jahre habe ich damit zugebracht, endlos Foren zu durchstöbern, Tests zu lesen, jede einzelne Kamerafunktion und Aufnahmetechnik auszuprobieren. So oft es ging, habe ich eine neuere/teurere/bessere Kamera gekauft, von den notwendigen Objektiven gar nicht zu reden.

Und das war auch in Ordnung so, ich lernte, die Technik zu beherrschen, mit dem “Werkzeug” umzugehen.

Was dabei zu kurz kam, war die Frage, um die es eigentlich gehen sollte, nämlich wie ich meine Fotos “verbessern” kann – nicht (nur) technisch. Es sollte beim Fotografieren nicht darum gehen, dass man es tut weil man es kann (“kostet ja nix”), für mich sollte das Bild einen Sinn haben, eine Bedeutung, einen besonderen Augenblick oder eine besondere Stimmung festhalten.

Spätestens wenn man die Technik im Griff hat, ist also es an der Zeit, an anderen Dingen zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln. Ohne nun zu sehr in die Tiefen der Bildkomposition, Bildgestaltung, Farbtheorie, Wahrnehmungspsychologie etc. zu gehen, gibt es glaube ich ein paar Tipps, die leicht anzuwenden sind, aber viel bringen.

Ewige Baustelle

Meine Lieblings-Tipps, ohne den Rahmen zu sprengen sind also:

1) Immer die Bildränder im Auge behalten und nicht oder nur ganz bewusst Dinge “anschneiden”. Beispiel: Wenn auf einer Seite des Bildes noch das halbe Ohr des Nebenmannes hereinragt, wertet es das Foto in aller Regel nicht unbedingt auf. Besser: Den Bildrand im Auge behalten und dem armen Menschen sein Ohr lassen.

2) Den Hintergrund im Auge behalten. Prominentes Beispiel ist der Laternenpfahl, der dem lächelnden Model aus dem Hinterkopf wächst. Ein Schritt zur Seite kann da Wunder wirken.

3) Sich selbst fragen: Warum mache ich dieses Bild? Was hat mein Interesse geweckt? Was möchte ich zeigen? Wenn ich diese fragen nicht beantworten kann, mache ich das Bild nicht. Wenn ich sie jedoch beantworten kann, habe ich damit eine gute Basis zum weiterarbeiten, nämlich mit Punkt 4).

4) Da ich nun weiß warum ich das Foto machen möchte, was mich daran interessiert, was meine Bildaussage oder Bildwirkung sein soll, habe ich die Chance, genau das zu verstärken bzw. es zu unterstreichen, es also “herauszuarbeiten”. Wie? Siehe 5).

Nature in Chains

5) Kenne die Parameter, die Dir für 4) zur Verfügung stehen. Dieser Punkt ist nicht immer ganz objektiv zu beurteilen. Daher nur ein paar kleine Beispiele aus meiner persönlichen Empfindung:

  • Farbe/Unfarbe: Möchte ich dem Bild eine traurige, einsame, morbide oder melancholische Stimmung geben, eignet sich eine schwarz/weiß-Umsetzung, um dieses Gefühl zu verstärken. Ein lustiger Kindergeburtstag hingegen, macht sich besser in knalligen Farben.
  • Perspektive: Das Motiv wirkt von unten überlegen, auf Augenhöhe neutral, von oben eher unterlegen.
  • Brennweite: Mit welcher Brennweite ich ein Foto mache, hat weit mehr Auswirkungen, als die Meter, die ich dafür zu Fuß zurücklegen muss. Lange Brennweiten verdichten die Bildinhalte, eine kurze Brennweite bezieht mehr von der Umgebung mit ein.
  • Reduktion: Wohl einer der wichtigsten Parameter. Alles, was nicht zu dem von mir beabsichtigten Bildausdruck bzw. der Bildaussage gehört, lasse ich weg. Man könnte auch sagen, alles was das Bild nicht interessanter macht, macht es uninteressanter. So macht man es dem Betrachter einfacher, den Bildinhalt zu erfassen, ohne dass er sich von zu viel Bildinhalt erschlagen fühlt. Die Kunst besteht im Weglassen.:)
  • Ist der Hintergrund wichtig für mein Bild, oder könnte ich ihn eventuell durch gezielte Unschärfe “ausblenden”? Wenn ich das tue, wie stark? Soll man ihn noch erkennen können? Wenn nicht, welche Farben ergeben sich dann im unscharfen Hintergrund?

Wollte ich diesen Blogpost in einem Satz zusammenfassen, wäre mein Tipp wohl “bewusst” zu fotografieren. Sowohl was das eigentliche Motiv angeht und ob es tatsächlich ein Foto wert ist, als auch wie ich es dann in Szene setze, sollten eine bewusste Entscheidung sein.